Begegnung bei Jericho
(vgl. Lk 18,35-43)

Wie jeden Tag, bin ich hier gesessen unter dem Baum an der Hauptstraße südlich von Jericho. Alle Menschen, die vom Süden nach Jericho gehen und die von Jericho Richtung Süden gehen, kommen hier bei meinem Platzerl vorbei.
Von meinem Platzerl ist es nur ein Katzensprung bis zum Stadttor. Hier bekomme ich noch viel mit, wenn die Leute Neuigkeiten austauschen.

Um mich herum ist es finster Tag und Nacht, denn ich bin blind. Meine Ohren sind stets gespitzt und ich bekomme auch noch Gespräche mit, wenn die Menschen vor mir, hinter mir oder neben mir reden und der Wind ihre Worte davonträgt. Ich lebe sozusagen von den Gesprächen anderer, denn mit mir, dem blinden Bettler, spricht keiner.
Hie und da höre ich die Menschen auch über mich sprechen: "So ein armer Hund!" oder "Ich gebe dem immer ein paar Kupfermünzen." oder "Bin ich froh, dass meine Kinder alle gesund sind!" aber auch "Der muss ganz schön Schuld auf sich geladen haben, wenn ihn Gott so bestraft."

Wenn eine Münze, ein Apfel oder sonst eine Gabe in meine Schale gelegt wird, sage ich einfach "Danke. Vergelt´s Gott." zu diesem Irgendjemand, den ich nicht sehe, den ich nicht kenne. Und flugs, schon sind die Menschen schon wieder weiter geeilt zu ihrer Arbeit, zu ihrer Familie oder sonst wohin. Und ich sitze wieder alleine und einsam da und lausche dem Leben, das sich rings um mich herum abspielt.
Jeden Vormittag, etwa um dieselbe Zeit kommt der Apfelmensch. Ich erkenne ihn schon am Gang. Jeden Tag um dieselbe Zeit legt er einen kleinen Apfel im meine Schale. Der Klang seiner Schritte ist mir vertraut, aber auch er bleibt mir fremd. Ich weiß weder seinen Namen, noch weiß ich woher er kommt oder wohin er geht - und doch begegnen wir uns jeden Tag.

Am Abend kommt dann noch der Händler, er zählt wie viel Geld in meiner Schale ist und versorgt mich dafür mit Lebensmitteln. Ich muss sagen, hungern habe ich noch nie müssen, die Menschen sind wirklich gut.
Nachdem ich meinen Rucksack gefüllt habe, gehe ich nach Hause. Den Weg kenne ich wie meine eigene Westentasche. Ich finde ihn blind. Ich finde ihn allein. Da bin ich auf niemanden angewiesen. Mein Stock schützt mich davor, dass ich über unerwartete Hindernisse stolpere.

Ja, das ist mein Leben, so sinniere ich vor mich hin unter meinem Baum.
Plötzlich spitze ich wieder die Ohren. Da tut sich was. Ich höre viele Schritte, viele Menschen. Was ist da los, frage ich mich? Aus dem Stimmengewirr der vielen anscheinend aufgeregten Leute höre ich eines immer wieder heraus: "... JESUS von Nazareth ..."

"JESUS von Nazareth?", schießt es mir durch den Kopf. Das ist doch der, von dem man sich viele wundersame Geschichten erzählt. Eine göttliche Ausstrahlung soll ER haben. Ein Prophet soll ER sein, ER wird für Mose oder Elija gehalten, manche sprechen gar vom Sohn Gottes, auf jeden Fall aber aus dem Stamm Davids. Und ER soll schon viele Menschen geheilt haben.

Lahme, die wieder gehen konnten. Taubstumme, die plötzlich hören und sprechen konnten - und Blinde, die wieder sehen konnten.
Ja! Blinde, die wieder sehen konnten. Wieder sehen! Wieder sehen! Ich möchte wieder sehen können!

Ich springe auf. Ich muss diesen JESUS auf mich aufmerksam machen! Ich möchte IHM begegnen! ER muss zu mir kommen, muss mir die Hände auflegen! ER ist meine einzige Hoffnung, dass sich mein Leben ändert. ER ist meine einzige Hoffnung, dass ich wieder sehen kann! ER ist meine einzige Hoffnung, dass ich wieder am Leben teilhaben kann. ER ist der einzige, der mir helfen kann, damit ich wieder ein Teil der Gesellschaft, der Gemeinschaft sein kann. JESUS, DU bist meine einzige Hoffnung.

Die Gedanken rasen durch meinen Kopf. Mein Herz rast. Schweiß strömt mir aus allen Poren. Ich stehe und schreie: "JESUS, Sohn Davids, komm zu mir!" - Aber meine Kehle ist wie zugeschnürt, die Stimme versagt mir, kein Ton kommt aus meinem weit aufgerissenen Mund. Ich klammere mich mit beiden Händen an meinen Stock. Nein, das darf nicht sein, dass mir jetzt die Stimme versagt!
Ich schreie nochmals aus Leibeskräften: "JESUS, Sohn Davids komm zu mir! JESUS, Sohn Davids, komm zu mir!" Es schreit in mir, es tobt in mir, aber kein Laut dringt aus meinem Mund. Es ist zum Verzweifeln.

Plötzlich verstummen die vorüberziehenden Schritte der Menschen. Die Menge ist stehen geblieben. Ich stehe noch immer wie angewurzelt auf meinem Platz, meine Hände an den Stock geklammert und mit weit aufgerissenem Mund schreie ich tonlos meine Not heraus.

Ich höre wie jemand sagt: "Warum bleibt JESUS hier stehen?" Ein anderer sagt: "Gönne ihm auch mal eine kleine Verschnaufpause. Gleich sind wir in Jericho und dann wird ER am Hauptplatz bis Sonnenuntergang predigen und Kranke heilen."

Plötzlich höre ich SEINE Stimme: "Margit, ich habe deinen inneren Schrei gehört." Dann sagte ER zu den Umstehenden: "Führt sie her zu mir!" Sogleich spüre ich, wie mich zwei Menschen bei meinen Händen und Schultern nehmen.
Den Stock - meine letzte Sicherheit - nehmen sie mir aus der Hand. Ich spüre, wie die Menschen auseinander treten, um mir und meinen Führern Platz zu machen. Die beiden Männer führen mich nur wenige Meter. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen. Meine beiden Begleiter geben mir Sicherheit und Halt.

JESUS, ich gehe zu JESUS. Ich komme zu JESUS. JESUS. JESUS. JESUS. Meine Begleiter sind stehen geblieben. Ihre Hände ruhen auf meinen Schultern. Ich muss direkt vor JESUS stehen. Ich spüre SEINE Nähe. Eine Welle von Liebe und Frieden durchströmt mich. Meine Verkrampfung löst sich. Ein tiefer Seufzer. JESUS nimmt meine beiden Hände und meine Begleiter lassen mich los. Ich bin in den Händen von JESUS. ER ist alles, was ich habe. ER ist meine einzige Hoffnung.

"Margit, was willst du, dass ich tue?" fragt mich JESUS. Und JESUS fährt gleich fort: "Margit, ICH habe deinen inneren Schrei gehört. Hab keine Angst, du kannst jetzt wieder sprechen. Sag mir, was soll ICH dir tun?"

"HERR, ich möchte wieder sehen können. Ich möchte wieder leben können. Bitte."

JESUS antwortet mir: "Margit, dein Vertrauen in MICH hat dich geheilt. Du sollst wieder sehen können." Und diesem Moment wird es für mich Tag. Das Dunkel wird hell und es beginnen sich immer mehr Farben herauszukristallisieren. Ich erkenne immer mehr Konturen, bis ich schließlich alles ganz scharf sehen kann. Ich kann JESUS sehen. Ich kann SEINE liebevollen Augen sehen. Ich kann die Menschen sehen, wie alle Augen auf JESUS und auf mich gerichtet sind.

"Ich kann sehen!" rufe ich mit lauter, deutlich vernehmbarer Stimme. "Ich kann sehen! Halleluja! Danke JESUS!"
JESUS aber berührt mit seinen Händen meine beiden Ohren, hält einen Moment inne und sagt dann zu mir: "Margit, ICH segne deine Ohren, damit sie von nun an die stummen Schreie der Menschen hören können. ICH segne deine Ohren, damit du hellhörig wirst für die leise Sehnsucht der Menschen nach mir."

Dann umarmt mich JESUS kurz und kräftig und setzt seinen Weg nach Jericho fort. Klatschend und singend folge ich ihm.

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