Tagebuch eines Schafes
(vgl. Mt 18,12-14)


Ich habe den besten HIRTEN, den es gibt. Wir sind eine ziemlich große Herde, ich glaube an die hundert Schafe, aber ich weiß es nicht genau, denn mein HIRTE hat uns keine Ohrmarke mit einer Nummer verpasst. Mein HIRTE ruft uns immer bei unserem Namen. ER hat aber auch keine Liste, wo alle nach dem Alphabet aufgeschrieben sind, ER einen Namen nach dem anderen aufruft und der Genannte seine Anwesenheit mit einem "Hier!" bestätigt. Auch lässt ER uns nicht jeden Morgen der Größe nach aufstellen und zählt ab, ob eh alle da sind. Ich weiß nicht, wie ER das macht, aber mein HIRTE hat immer den Überblick, und wenn IHM ein Schaf abgeht, dann geht ER es suchen - so lange bis ER es gefunden hat.

Mein HIRTE ist der beste, den es gibt. ER ist nicht unser HIRTE, weil ER möchte, dass wir möglichst schnell dick und fett werden, ER uns für gutes Geld verkaufen kann und wir schließlich auf dem Teller der Menschen landen. Nein, ER ist unser HIRTE, weil ER uns einfach liebt. Nicht nur angeblich oder mit irgendwelchen Hintergedanken. ER ist unser HIRTE, weil ER uns liebt. Kannst du dir das vorstellen?

Wenn zum Beispiel schlechtes Wetter ist, der Sturm tobt, ein Gewitter über uns hereinbricht oder uns die Kälte stark zusetzt - dann zieht ER sich nicht in seine Hirtenhütte zurück, heizt sich den Ofen ein und denkt: "Meine Schafe werden schon in der Nähe bleiben, es wird ihnen schon nichts passieren, ICH werde wieder nach ihnen sehen, wenn das schlechte Wetter vorbei ist." Nein, so ist mein HIRTE nicht.

Wenn der Sturm tobt, ein Gewitter über uns hereinbricht und uns die Kälte zusetzt, dann bleibt unser HIRTE bei uns. ER sucht einen möglichst ge-schützten Platz für uns, ER setzt sich nieder und wir umringen ihn von allen Seiten und drängen uns dicht aneinander, damit wir einander wärmen - und dann beginnt mein HIRTE zu erzählen: Von Liebe, von Güte, von Geborgenheit und von SEINEM guten VATER. Uns wird dann immer ganz warm um unser Schaf-Herz, auch wenn über uns der Sturm tobt.


Bei meinem HIRTEN fühle ich mich sicher und geborgen. Glücklich, wer einen solchen HIRTEN hat!

Mein HIRTE hat nicht nur den Überblick, ob alle SEINE Schafe da sind, ER kennt und ruft uns nicht nur bei unserem Namen, ER weiß auch um
die Eigenheiten von jedem einzelnen.

Ich habe da zum Beispiel so meine Schaf-Eigenheiten: Ich bin nicht gerne mitten in der Herde, ich bin entweder ganz vorne, ganz hinten, ganz links oder ganz rechts am Rand. Mitten in der Herde habe ich Angst, dass ich zertrampelt werde, und ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich mein Tempo den anderen angleiche. Außerdem habe ich in der Mitte keine freie Sicht.

Am Rand kann ich auch mal mein eigenes Tempo gehen und ich kann meinen Blick über die Wiesen schweifen lassen. Außerdem ist mir mitten in der Herde oft viel zu viel Trubel. Da komme ich mir dann vor wie in einer schnatternden Gänseschar. Wie viel unnötiges Zeug da oft ge-schnattert wird! "Hast du gehört, was der gemacht hat?", "Hast du ge-sehen, was die gemacht hat?" Am liebsten würde ich mir dann die Ohren zuhalten, ich sehne mich nach Abstand von der Herde, nach Freiheit - und mein HIRTE weiß das.

Manchmal ergibt sich eine Gelegenheit, ich sehe einen schmalen Seiten-pfad, der später wieder auf die Hauptroute trifft. Mein HIRTE wirft mir dann einen Blick zu. Ich darf ganz alleine diesen schmalen Pfad gehen, während mein HIRTE mit der Herde die Hauptroute geht. Dankbar werfe ich meinem HIRTEN einen Blick zu und entferne mich von der Herde. Ich spüre Freiheit, hier kann ich mein Tempo, meinen eigenen Rhythmus gehen und ich kann meinen Blick schweifen lassen.

Ich gehe mit dem Segen meines HIRTEN meinen eigenen Weg.

Ich weiß, wo mein HIRTE ist - und mein HIRTE weiß, wo ich bin.

Das sind Schafs-Glücksmomente.


Aber manchmal komme ich dann zu einer Weggabelung. Ich weiß genau, welcher Weg mich zurück zu meinem HIRTEN und zu meiner Herde führt. Aber da sind die Verlockung des anderen Weges und meine Neu-gierde.
Wohin führt der andere Weg? Was gibt es hinter der ersten Kurve zu sehen? Außerdem möchte ich noch meine Freiheit genießen und so folge ich dem anderen Weg.

Bald merke ich, dass dieser Weg mich immer weiter weg von meinem HIRTEN und von meiner Herde führt. Vielleicht ändert sich die Richtung ja hinter der nächsten Biegung? Und so folge ich dem Weg noch weiter.

Schließlich sehe ich ein, dass ich auf dem Holzweg bin. Und jetzt?
Den ganzen Weg wieder zurücklaufen bis zur Kreuzung? Kommt nicht in Frage! Ich weiß die Richtung, wo mein HIRTE mit meiner Herde ist, und so kämpfe ich mich durchs Unterholz und durchs Gestrüpp den Berg wieder hinauf. Es ist mühsam, aber ich weiß, wohin ich muss und wohin ich will.

Endlich komme ich oben am Bergrücken an und erblicke meine Herde - und ich sehe meinen HIRTEN, wie ER nach mir Ausschau hält.

Sofort hat ER mich erblickt, winkt mir zu und läuft mir entgegen. ER umarmt mich und SEIN Blick sagt mir: "ICH weiß, du bist nicht auf dem Weg geblieben, den ICH für dich vorgesehen habe."

Aber ER schimpft nicht, sondern beugt sich zu mir hinunter und flüstert mir ins Ohr: "ICH bin froh, dass du wieder da bist!" Und dann entfernt ER liebevoll die Ästchen, die sich in meiner Wolle verfangen haben.

Ich halte den Kopf gesenkt, ich weiß, ich habe Blödsinn gemacht.

Ich bin beschämt, aber gleichzeitig auch dankbar und sehr froh. Nachdem mir mein HIRTE mein Fell gesäubert hat, umarmt ER mich noch einmal kräftig, gibt mir einen kleinen, liebevollen Klaps und ich laufe schnell zu meiner Herde.

Und ich weiß, wenn sich wieder einmal die Gelegenheit eines Seitenpfades ergibt - mein HIRTE wird mir wieder zunicken und mich in diese Freiheit entlassen und hoffen, dass ich diesmal auf dem richtigen Weg zur Herde zurückkomme. So ist mein HIRTE.

Glücklich, wer einen solchen HIRTEN hat!

Aber es kann auch vorkommen, dass ich mich in einem Gestrüpp verfange. Im Gestrüpp des Alltagsstresses, im Gestrüpp meiner eigenen Erwartungen oder im Gestrüpp des Vergleichens. Ich weiß, ich habe mich verfangen, doch je mehr ich versuche, mich selbst zu befreien, desto mehr werde ich in das Wirrwarr von Ästen und Dornen verstrickt.

Ich muss einsehen, dass ich mich nicht selbst befreien kann. Dann be-komme ich Angst und es schnürt mir die Kehle zu, nicht einmal um Hilfe kann ich dann rufen. Ich verberge meinen Kopf, schließe die Augen und spüre, wie mein Herz vor lauter Angst pocht.

Aber meine Ohren sind ganz aufmerksam, ich lausche, ob ich die Schritte meines HIRTEN höre. SEIN Gang, der Klang SEINER Schritte ist un-verwechselbar. Ich weiß, mein HIRTE wird mich so lange suchen, bis ER mich gefunden hat. Und so warte und hoffe ich auf SEINE Schritte.

Da! ER kommt! ER läuft zu mir, streichelt mich und sagt: "ICH bin da. Hab keine Angst, ICH befreie dich." Mein HIRTE ist da, alles wird gut, jetzt ist es mir egal, wie lange es dauert, bis mich mein HIRTE aus den Dornen befreit hat. Ich bin erleichtert und dankbar. In SEINEN Händen bin ich sicher und geborgen.

Glücklich, wer einen solchen HIRTEN hat!

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